Blind mit dem Säbel auf eine tote Gans: Sursee köpft am 11. November wieder
Sonnenmaske, die nichts sehen lässt, roter Umhang, stumpfer Säbel, genau ein Schlag: Am Mittwoch, 11. November, versuchen in Sursee LU wieder Freiwillige, einer toten Gans den Kopf abzuschlagen. Woher der Brauch kommt, ist bis heute unklar.

Darum gehts
- Los gehts laut Programm der Stadt jeweils um 15.15 Uhr vor dem Rathaus, am Martinstag.
- Mitmachen kann man nach Anmeldung. Wer die Gans herunterschlägt, bekommt sie als Preis.
- 2025 reichte ein Tierschützer laut «20 Minuten» Anzeige ein und forderte, den Anlass abzusagen.
Um 1820 verschwand die Gansabhauet aus Sursee. Rund vier Jahrzehnte später kehrte sie zurück, seit 1863 pflegt die Stadt sie laut Historischem Lexikon der Schweiz wieder regelmässig am 11. November.
Schon damals wurde das Spiel als alt beschrieben: Eine Lokalzeitung nannte es bei der Wiederbelebung ein uraltes und sehr amüsantes Brauchtum, wie swissinfo 2002 nachzeichnete. Maske und Mantel sind dagegen jünger. Sie kamen laut swissinfo erst 1880 dazu.
An Erklärungsversuchen fehlt es nicht. Ein Zusammenhang mit dem Zehnten, also Abgaben an Klöster am Martinstag, ist laut Stadt Sursee aber historisch nicht ausreichend belegt. Sicher ist laut Stadt, dass ähnliche Bräuche rund um die Gans früher in ganz Europa verbreitet waren. Keystone-SDA verweist zudem auf Hinweise, dass es den Brauch schon im Mittelalter gab.
Sogar die Eidgenössische Münzstätte hat ihm ein Denkmal gesetzt: 2014 gab Swissmint ein 10-Franken-Gedenkstück «Gansabhauet Sursee» heraus, gestaltet von Thyl Manuel Eisenmann.
«Durch die Tradition wird Gewalt gegen Tiere verharmlost und verherrlicht und die Würde dieser Tiere herabgesetzt»
Ein Schluck Wein, ein paar Drehungen, ein Schlag
Bevor jemand zum Säbel greift, gibt es einen Schluck Wein. Dann wird die Person mehrmals im Kreis gedreht, so beschrieb Keystone-SDA den Ablauf nach dem Anlass 2025. Wegen der Sonnenmaske steht sie schliesslich ohne Sicht vor der Gans, die an einem Seil hängt.
Jede Person hat nur einen Versuch, und der Dragonersäbel ist stumpf. 2025 brauchte es laut Keystone-SDA insgesamt zwölf Schläge. Die tote Gans behielt ihren Kopf so kurz wie noch nie.
Angemeldet hatten sich 2025 laut Keystone-SDA 86 Personen, nur drei davon Frauen. Vor dem Rathaus standen rund 4500 Zuschauerinnen und Zuschauer.
«Wir prüfen diese nun.»
Tradition oder Tierquälerei? Darüber wird gestritten
Hinter der Anzeige von 2025 gegen die Kommission Gansabhauet steht Olivier Bieli vom Gnadenhof Papillon. Er forderte, den Anlass abzusagen. Sein Vorwurf, wie ihn «20 Minuten» zitiert: «Durch die Tradition wird Gewalt gegen Tiere verharmlost und verherrlicht und die Würde dieser Tiere herabgesetzt».
Die Staatsanwaltschaft Luzern bestätigte damals den Eingang der Anzeige. «Wir prüfen diese nun», sagte Mediensprecher Simon Kopp damals gegenüber «20 Minuten». Was daraus wurde, ist öffentlich nicht bekannt.
Die Organisatoren sehen das anders. «Wir feiern diese Gans, sie hat einen grossen Wert», sagte Sara Steiner, Leiterin der Kommission Gansabhauet, laut «20 Minuten».
Nach dem Anlass würden die Tiere verwertet, sagte Steiner. Zu ihrer Herkunft meinte sie: «Die Tiere wurden bewusst ausgewählt. Sie hatten ein schönes Leben.» Ein Gewinner von 2025 wollte seine Gans am Wochenende zubereiten und mit der Familie essen.
«Wir feiern diese Gans, sie hat einen grossen Wert»
So kommst du an den Säbel
Wer selbst zuschlagen will, meldet sich nach den Angaben der Stadt jeweils telefonisch bei der Stadtverwaltung unter 041 926 90 00 oder am Anlasstag bis 11 Uhr per E-Mail an kultur-sport@stadtsursee.ch. Verlangt werden Name, Vorname, Jahrgang und Wohnort.
Nach dem Programm, das die Stadt jeweils für den 11. November ausschreibt, ist die Altstadt ab 13 Uhr für den Verkehr gesperrt. Um 14.30 Uhr werden beim Diebenturm die Schlägerinnen und Schläger ausgelost, eine halbe Stunde später ziehen Stadtrat, Gäste und die Zunft «Heini von Uri» mit Trommeln zum Rathaus. Die Zunft feiert dieses Jahr ihr 150-Jahr-Jubiläum, das Museum Sankturbanhof widmete ihr bis am 10. September eine eigene Ausstellung. In ihrer Agenda steht für den 11. November neben der Gansabhauet auch ein «Gansessen».
Zwischen den Durchgängen sind die Kinder dran: beim «Stangechlädere», beim «Sackgompe» und beim «Chäszänne», wo eine möglichst verrückte Grimasse ein Stück Käse einbringt. Um 17.30 Uhr folgt der Räbeliechtli-Umzug, organisiert vom «Spatzentreff Sursee und Umgebung».
«Die Tiere wurden bewusst ausgewählt. Sie hatten ein schönes Leben.»
Quellen
- 1.Stadt Sursee: Gansabhauet
- 2.Zunft Heini von Uri Sursee: Agenda
- 3.Ludothek Region Sursee: Ferien und Feiertage
- 4.Historisches Lexikon der Schweiz: Sursee
- 5.SRF 3: Rebecca und die enthaupteten Gänse
- 6.blue News / Keystone-SDA, 11.11.2025
- 7.20 Minuten, 11.11.2025 (Tierschutz-Debatte)
- 8.20 Minuten, 11.11.2025 (Anzeige, Staatsanwaltschaft Luzern)
- 9.swissinfo, 12.11.2002
- 10.CoinsWeekly: Swissmint-Münze Gansabhauet
- 11.Luzern Tourismus: «zünftig – 150 Jahre Zunft Heini von Uri»
- 12.Wikimedia Commons: Münze Gansabhauet 2014
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- Sursee
- Martinstag
- Brauchtum
- Tierschutz
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