Krone für 1200 bis 2000 Franken: Darum zahlt die Grundversicherung den Zahnarzt meist nicht
Eine japanische Biotech-Firma will mit einem Antikörper schlafende Zahnanlagen wecken und plant laut Fachmagazin Dentistry.co.uk eine Studie mit 24 Kindern. In der Schweiz zahlt die Grundversicherung ein Implantat mit Krone, laut Krankenversicherer KPT 3500 bis 5500 Franken, meist nicht.
KI-SymbolbildDarum gehts
- Der Antikörper TRG035 soll das Protein USAG-1 blockieren, das die Bildung von Zähnen bremst.
- Dass beim Menschen Zähne nachwachsen, ist nicht belegt. Positive Resultate gibt es nur aus Tierversuchen.
- Ein erster Test mit 30 Männern in Kyoto ist abgeschlossen. Detailresultate sind nicht veröffentlicht.
- Die Grundversicherung zahlt nur in Ausnahmen, etwa nach Unfällen oder bei bestimmten Geburtsgebrechen.
Hinter dem Mittel steht die Firma Toregem BioPharma. Über ihre Pläne berichtete im August das britische Fachmagazin Dentistry.co.uk. Die japanische Arzneimittelbehörde PMDA hat die Anmeldung der Kinderstudie fertig geprüft. Grünes Licht ist das noch nicht: Zuerst muss eine Ethikkommission zustimmen, ein Startdatum nennt Toregem nicht.
Mitmachen sollen Kinder, denen von Geburt an viele bleibende Zähne fehlen, nach der Definition der Firma sechs oder mehr. Die Studie läuft an mehreren Zentren und ohne Placebo-Gruppe. Sie soll vor allem klären, welche Dosis für Kinder passt.
«Das ist schon ein bisschen enthusiastisch.»
Der erste Test lief mit 30 Männern in Kyoto
Die erste Studie am Menschen startete im Oktober 2024 am Universitätsspital Kyoto. 30 gesunde Männer zwischen 30 und 65 Jahren, denen mindestens ein Backenzahn fehlte, bekamen eine einzige Infusion: entweder TRG035 in einer von fünf Dosisstufen oder ein Placebo. Im japanischen Studienregister ist die Studie als abgeschlossen vermerkt.
Toregem sagt, die Sicherheit sei damit bestätigt. Detailresultate hat die Firma nicht veröffentlicht. Und der entscheidende Punkt ist offen: Dass beim Menschen tatsächlich Zähne nachwachsen, hat TRG035 noch nicht gezeigt. Die positiven Befunde stammen aus Tiermodellen, und der Schritt bei der Behörde ist keine Zulassung.
Die Firma hat dafür Geld gesammelt. Im Juni 2026 hat Toregem rund 5,3 Millionen Dollar für die nächste Stufe aufgenommen, mit Fördergeldern sind es insgesamt über 29 Millionen.
«In diesem Alter ist die Anlage für das Wachstum von Zähnen nicht mehr vorhanden»
Ein Basler Zahnmediziner bremste schon 2024
Neu ist die Idee nicht. SRF berichtete bereits im Juni 2024 über die Forschung aus Kyoto, damals war von einem Einsatz ab 2030 die Rede. Michael Bornstein, Forschungsleiter am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel, sagte dazu: «Das ist schon ein bisschen enthusiastisch.»
Für Menschen über 40 dürfte das Mittel nach seiner damaligen Einschätzung wenig bringen. «In diesem Alter ist die Anlage für das Wachstum von Zähnen nicht mehr vorhanden», sagte Bornstein.
Toregem selbst formuliert das Ziel deutlich grösser: «patients will be able to eat using their own teeth throughout their lives». Längerfristig will die Firma prüfen, ob das Mittel auch Zähne ersetzen kann, die durch Karies oder Parodontitis verloren gingen. Für Erwachsene mit solchen Lücken ist es bis auf Weiteres Zukunftsmusik.
«patients will be able to eat using their own teeth throughout their lives»
Was eine Zahnlücke in der Schweiz kostet
Für eine Zahnlücke kommen etwa eine Brücke oder ein Implantat in Frage. Ein Implantat mit Krone kostet laut dem Krankenversicherer KPT 3500 bis 5500 Franken, eine dreigliedrige Brücke 2500 bis 4500.
Auch kleinere Eingriffe gehen ins Geld. Eine Krone liegt bei 1200 bis 2000 Franken, eine Wurzelbehandlung bei 700 bis 1800, eine Füllung bei 150 bis 300. Die Preise schwanken je nach Praxis, Region und Aufwand.
Die Grundversicherung übernimmt Zahnarztkosten nur in gesetzlich festgelegten Ausnahmefällen: bei schweren, nicht vermeidbaren Erkrankungen des Kausystems, bei Behandlungen wegen einer schweren Allgemeinerkrankung, nach einem Unfall, wenn keine andere Unfallversicherung zahlt, und bei bestimmten Geburtsgebrechen, wenn die IV nicht dafür aufkommt. Die gewöhnliche Füllung wegen Karies gehört nicht dazu.
Wie viel Haushalte für Gesundheit insgesamt selbst zahlen, zeigten BFS-Zahlen für 2021, über die das Fachmedium ZWP online berichtete: Damals zahlten Haushalte 184 Franken pro Person und Monat selbst, zusätzlich zu Prämien und Steuern. Darunter fielen vor allem Pflegeheime, Zahnarztbehandlungen und die Kostenbeteiligungen der Krankenkasse.
Bei Kindern mit fehlenden Zähnen kann die IV einspringen
Ausgerechnet für die Kinder, an die sich die japanische Studie richtet, gibt es in der Schweiz eine Tür: Angeborene Zahndefekte können als Geburtsgebrechen gelten. Dann kann die IV oder die Grundversicherung ihre Zahnbehandlung zahlen.
Auf der Liste der Geburtsgebrechen steht die angeborene Nichtanlage von Zähnen unter Ziffer 206. Es reicht, wenn zwei nebeneinanderliegende bleibende Zähne fehlen oder vier pro Kiefer, Weisheitszähne nicht mitgezählt. Die Schwelle liegt damit tiefer als Toregems «schwer» mit sechs oder mehr fehlenden bleibenden Zähnen: Kinder wie jene in der japanischen Studie fallen hierzulande in aller Regel darunter.
Die IV zahlt die zahnärztliche Behandlung laut Zahnärzteverband SSO längstens bis zum 20. Altersjahr und nur mit einer Kostenverfügung der IV-Stelle, Karies ist ausgeschlossen. Danach gehen die Kosten zulasten der Krankenversicherung, sofern die Voraussetzungen der Krankenpflege-Leistungsverordnung erfüllt sind.
Selten ist ein angeborener Zahnmangel nicht. Eine internationale Übersichtsarbeit von 2017 nennt je nach Bevölkerung eine Häufigkeit von 1,6 bis 6,9 Prozent, Weisheitszähne ausgenommen. Von Oligodontie, der schweren Form, spricht man typischerweise erst, wenn mehr als sechs Zähne fehlen.
Quellen
- 1.Dentistry.co.uk: Tooth-regrowth drug trial planned for 24 children in Japan (18.08.2026)
- 2.Dentistry.co.uk: Tooth-regeneration drug set for first trials in target patients (09.06.2026)
- 3.Japanisches Studienregister jRCT: Phase-I-Studie TRG035 (jRCT2051240154)
- 4.KPT: Zahnarzt und Krankenkasse – was wird bezahlt?
- 5.SRF News: Mit diesem Medikament wachsen die Zähne nach (05.06.2024)
- 6.BSV: Codizes zur Gebrechens- und Leistungsstatistik der IV (Liste der Geburtsgebrechen, Ziffer 206)
- 7.SSO Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft: Invalidenversicherung
- 8.Al-Ani et al.: Hypodontia – An Update on Its Etiology, Classification, and Clinical Management, Biomed Res Int (2017)
- 9.ZWP online: Höhere Gesundheitsausgaben für Zahnarztpraxen (08.05.2023, BFS-Zahlen 2021)
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