1, 15 oder 30 Franken: Was ein Genfer Experiment über dein Herz verrät
Wer keinen Bock hat, ist nicht faul, sondern rechnet: Anstrengung ist wie Geld, man will für nichts zu viel bezahlen. Das sagen Forschende der Universität Genf, deren Labor am Herzen misst, wie viel Kraft wir aufbringen.
KI-SymbolbildDarum gehts
- In einem Genfer Versuch mit unklarer Schwierigkeit galt: Je mehr Geld winkt (1, 15 oder 30 Fr.), desto stärker legt sich das Herz ins Zeug.
- Teenager, die nicht aufräumen, sind laut Gendolla nicht faul, sondern haben schlicht kein Interesse daran.
- Bei depressiver Verstimmung reagiert das Herz schwächer auf Belohnungen, zeigt eine Genfer Studie.
Eine Elektrode klebt am Hals, eine zweite auf dem Brustbein, dann beginnt die Denkarbeit. So untersucht das Geneva Motivation Lab, was im Körper passiert, wenn wir uns anstrengen. Das Labor gehört zur Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften der Universität Genf, besteht seit 2003 und wird von Psychologieprofessor Guido Gendolla geleitet.
Gendolla und Nicolas Silvestrini, Forscher in seinem Team, haben ihre Arbeit in der RTS-Radioserie «Vacarme» erklärt. Ihr Thema dort: die «Flemme», wie man in der Romandie zur Unlust sagt.
Gemessen wird die Zeitspanne, bevor das Herz Blut auswirft
Die Forschenden schauen auf die Präejektionsperiode: die kurze Zeitspanne, bevor das Herz Blut auswirft. Wird sie kürzer, mobilisiert der Körper mehr Kräfte. Silvestrini deutet das als Zeichen, dass jemand mehr Ressourcen in eine Aufgabe steckt.
Ein Gedächtnistest um bis zu 30 Franken
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Versuch, den Gendolla mit Michael Richter 2009 in der Fachzeitschrift «Psychophysiology» veröffentlicht hat. Die Teilnehmenden lösten eine Gedächtnisaufgabe, ohne zu wissen, wie schwierig sie ist. Je nach Gruppe winkten 1, 15 oder 30 Franken.
Geprüft wurde ein Modell des Psychologen Rex Wright von 1996. Es sagt voraus, dass der Körper bei unklarer Schwierigkeit umso mehr Kräfte mobilisiert, je wichtiger ein Erfolg ist. Das Ergebnis passte dazu: Je höher die mögliche Belohnung war, desto stärker reagierte das Herz.
Wer nicht aufräumt, tanzt vielleicht die ganze Nacht
Ein Beispiel liefert Gendolla gleich selbst: Derselbe Teenager, der sein Zimmer nicht aufräumen will, tanzt vielleicht problemlos die ganze Nacht durch. Entscheidend sei das Ziel, sagt Gendolla.
Ganz anders kleine Kinder. Sie meiden Anstrengung laut Gendolla überhaupt nicht, sondern sind sehr aktiv, was er für gut für ihre Entwicklung hält.
Neuenburg widmet der Faulheit eine Ausstellung
Ludovic Maggioni, Direktor des Naturhistorischen Museums Neuenburg, beschreibt gegenüber RTS Motivation mit Verweis auf den Forscher Boris Cheval wie einen Muskel: Die ersten Anstrengungen sind hart, mit der Zeit wird es leichter. Sein Museum widmet der Faulheit laut RTS ab dem 8. November die Ausstellung «Paresseux».
Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr offen, am Montag bleibt es zu. Regulär zahlen Erwachsene 8 Franken, Kinder bis 16 Jahre kommen gratis hinein. Für Kinder bietet das Museum zur Ausstellung das Atelier «Fais ton paresseux!» an, am Mittwoch, 18. November, und am Mittwoch, 2. Dezember, jeweils um 14 Uhr für 15 Franken.
Wenn die Belohnung nicht mehr ankommt
Ernst wird es bei Menschen mit Depression. Sie reagieren laut Gendolla kaum auf Belohnungen, deshalb fällt es ihnen schwer, eine Anstrengung vor sich selbst zu rechtfertigen. Schon das Haus zu verlassen, um zu einem Therapietermin zu gehen, kann schwierig sein.
Das Genfer Labor hat diesen Zusammenhang auch gemessen. Kerstin Brinkmann, Gendolla und weitere Forschende verglichen 2009 Teilnehmende mit und ohne Dysphorie, einer unterschwelligen depressiven Verstimmung, die per Fragebogen erfasst wurde. Wer nicht verstimmt war, reagierte auf eine erwartete Belohnung mit stärkeren Ausschlägen bei Blutdruck und Präejektionsperiode. Die Teilnehmenden mit Dysphorie reagierten auch auf drohende Strafen nicht.
Wie eng Stimmung und Belohnung zusammenhängen, zeigte Silvestrini 2011 mit Gendolla: Am stärksten reagierte das Herz, wenn die Teilnehmenden schlecht gelaunt waren und ein Erfolg mit einem angenehmen Film belohnt wurde.
Heute sucht das Labor nach Faktoren, die die Motivation von Menschen mit Depression stärken könnten. In einem Projekt, das der Schweizerische Nationalfonds unterstützt, untersuchen Kerstin Brinkmann und Jessica Franzen, wie empfänglich Betroffene für Belohnung und Strafe sind und was das für die Herzaktivität bei Anstrengung bedeutet.
Wer selbst betroffen ist oder sich um jemanden sorgt, findet rund um die Uhr Unterstützung bei der Dargebotenen Hand, Telefon 143.
Quellen
- 1.RTS: La flemme n'est pas de la paresse mais un calcul, selon des chercheurs genevois (17.10.2026)
- 2.Richter & Gendolla (2009), The heart contracts to reward, Psychophysiology 46(3)
- 3.Brinkmann, Schüpbach, Ancel Joye & Gendolla (2009), Anhedonia and effort mobilization in dysphoria, Int. J. of Psychophysiology 74(3)
- 4.Silvestrini & Gendolla (2011), Biological Psychology 87(2)
- 5.Geneva Motivation Lab, Universität Genf
- 6.Universität Genf: Geneva Motivation Lab (Forschungsgruppe)
- 7.Guido Gendolla, Profil
- 8.Muséum d'histoire naturelle de Neuchâtel (Öffnungszeiten)
- 9.Muséum d'histoire naturelle de Neuchâtel: Agenda
- 10.museums.ch: Muséum d'histoire naturelle Neuchâtel (Eintrittspreise)
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