Laut Uni Neuenburg einzigartig: Dieses Aargauer Dorf ehrt seine Auswanderer
1855 bezahlte die Gemeinde Niederwil, das heutige Rothrist, über 300 Menschen die Auswanderung nach Amerika. Ihre Rechnung: Die Überfahrt kommt günstiger, als die Armen weiter zu unterstützen.
KI-SymbolbildDarum gehts
- Mehr als jede neunte Person im Dorf ging, etwa die Hälfte davon freiwillig.
- Die Aktion kostete rund 50'000 Franken, die Gemeinde lieh sich das Geld.
- Alle 305 Namen stehen heute auf einer Stele mitten im Dorf.
- Allein in den 1850ern wanderten rund 50'000 Personen aus der Schweiz nach Übersee aus.
Am 12. Januar 1855 fiel der Entscheid an der Gemeindeversammlung von Niederwil, wie Rothrist bis 1890 hiess. Kurz darauf unterschrieb die Gemeinde einen Vertrag mit der Basler Auswanderungsagentur Beck & Herzog.
Der Grund war das Geld. Die Ausgaben für die Armen waren über mehrere Jahre stark gestiegen, Dutzende Familien lebten von Unterstützung. Eine einmalige Überfahrt, so rechnete die Gemeinde, kam billiger als jahrelange Armenhilfe.
Freiwillig gingen längst nicht alle. Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) schreibt, die Gemeinde habe wegen der Wirtschaftskrise 300 Personen zur Auswanderung gezwungen. Nach Angaben der Aargauer Denkmalpflege meldete sich etwa die Hälfte selbst. Die andere Hälfte waren sogenannte «Armenhäusler».
Das Landesmuseum kommt auf 305 Ausgewanderte. 1850 zählte die Gemeinde laut HLS 2620 Einwohnerinnen und Einwohner. Für die Denkmalpflege ist es die grösste organisierte Auswanderung, die der Aargau je erlebt hat.
50'000 Franken auf Pump für die Reise nach St. Louis
Billig war die Aktion nicht. Rund 50'000 Franken kostete sie, und das Geld hatte die Gemeinde nicht. Sie lieh es sich bei Banken und wohlhabenden Leuten im Dorf.
Am 27. Februar 1855 brachen die Auswanderer auf. Gut zwei Wochen später, am 16. März, gingen sie in Le Havre an Bord, Ziel New Orleans.
Von dort reisten sie weiter nach St. Louis, wo es bereits mehrere Schweizer Siedlungen gab. Im Mai 1855 kamen sie an.
Schon ein Jahr später konnte die Gemeinde ihr Armenhaus schliessen.
Die «Auswanderin» auf dem Rössliplatz
Heute erinnert mitten im Ort ein Brunnen an die Abreise. Auf dem Rössliplatz steht die Bronzefigur «Auswanderin» des Wettinger Bildhauers Eduard Spörri. Der Heimatverein liess den Brunnen 1959 aufstellen.
Seit 1995 steht daneben eine Stele aus Muschelkalk. Auf Metalltafeln sind die Namen aller 305 Auswanderer eingraviert. Wer Vorfahren aus Rothrist hat, kann dort nachschauen, ob sie 1855 mit auf die Reise gingen.
Ein solches Denkmal hat sonst keine Schweizer Gemeinde, zumindest laut einer Studie im Netzwerk SWISSMIG der Universität Neuenburg. Rothrist sei die einzige, die ihren Ausgewanderten mitten im Ort ein Denkmal gesetzt habe.
Kein Einzelfall in der Schweiz
Dass Gemeinden für die Auswanderung ihrer Leute zahlten, kam im 19. Jahrhundert in der Schweiz öfter vor. Heimatgemeinden übernahmen teils die Atlantiküberfahrt, schreibt das HLS. Die Bedingung war meist, dass die Auswanderer endgültig auf ihr Bürgerrecht verzichteten. Einige Kantone schoben Arme «im grossen Stil» ab.
Die Zahlen zeigen, wie gross die Bewegung war. Von 1851 bis 1860 wanderten rund 50'000 Personen aus der Schweiz nach Übersee aus. In den 1880er-Jahren waren es fast doppelt so viele, über 90'000.
Gegen Ende des Jahrhunderts zog es fast neun von zehn Emigranten nach Nordamerika. 1880 übernahm der Bund per Gesetz die Aufsicht über die Auswanderungsagenturen. Im 20. Jahrhundert drehte sich das Bild: Die Schweiz wurde zum Einwanderungsland.
Quellen
- 1.Historisches Lexikon der Schweiz: Rothrist
- 2.Historisches Lexikon der Schweiz: Auswanderung (Anne-Lise Head-König)
- 3.Kantonale Denkmalpflege Aargau: Auswandererbrunnen Rothrist
- 4.Blog Schweizerisches Nationalmuseum (Andrej Abplanalp): Rothrist emigration
- 5.SWISSMIG / Universität Neuenburg: Die Schweiz als Auswanderungsland
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