Nach Diesel-Deal mit dem Kreml: Trump legt eigene Russland-Zölle auf Eis
Im selben Dekret, das 500 Prozent Zoll auf Waren aus Russland festlegt, setzt US-Präsident Donald Trump diese Zölle und fast alle Sanktionen aus dem neuen Russland-Gesetz wieder aus. Ein Kreml-Gesandter spricht laut dpa auf Telegram von einem «wahrhaft historischen Moment».

Darum gehts
- Ausgesetzt, nicht abgeschafft: Der Verzicht gilt, bis Trump oder der Aussenminister anders entscheidet.
- Ältere US-Sanktionen gegen Russland aus früheren Dekreten bleiben laut Dekret in Kraft.
- Offiziell im nationalen Interesse; laut dpa will Trump die Treibstoffpreise vor den Zwischenwahlen senken.
- Im US-Kongress kritisieren Abgeordnete beider Parteien den Schritt, ein Demokrat spricht von Kapitulation.
Laufend aktualisiert
Neu: Der Kreml-Gesandte Kirill Dmitrijew nennt die Aussetzung laut dpa auf Telegram einen «wahrhaft historischen Moment». Ergänzt mit Hintergrund zum Gesetz und zu Selenskyjs Haltung.
Neu liegt der Wortlaut des Dekrets direkt vom Weissen Haus vor: Es legt 500-Prozent-Zölle fest und setzt sie samt fast allen Sanktionen aus dem Gesetz gleich wieder aus, ältere US-Sanktionen bleiben. Ergänzt mit Kritik aus dem US-Kongress.
Das Dokument trägt den Titel «Implementing the Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026». In Abschnitt 2 setzt es die Zölle fest, die das Gesetz verlangt. Neben den 500 Prozent auf russische Waren kämen 100 Prozent auf Waren der fünf grössten Abnehmer von russischem Öl und Gas dazu, sofern sie ab dem 18. Oktober neu einkaufen, ebenso auf Waren der fünf grössten Helfer beim Umgehen der Öl-Sanktionen.
Zwei Abschnitte weiter ist all das wieder vom Tisch. Trump verzichtet dort auf die Zölle aus dem Gesetz und setzt dazu Sanktionen und Einschränkungen aus über einem Dutzend weiterer Bestimmungen aus.
Möglich macht das eine Klausel im Gesetz selbst. Der Präsident darf jede Massnahme daraus aussetzen, wenn er dem Kongress bescheinigt, dass dies im nationalen Interesse liegt, und einen Bericht vorlegt, wie die US-Anwaltskanzlei Orrick erklärt. Genau auf diese Bescheinigung beruft sich Trump im Dekret.
Die Vorgeschichte schildern die Agenturen Reuters und dpa sowie Al Jazeera und Le Temps. Unterzeichnet hatte Trump das Gesetz am 18. September. Ohne sein Eingreifen hätten Zölle und Sanktionen 30 Tage danach automatisch gegriffen, die meisten Bestimmungen laut Orrick am Sonntag, 18. Oktober. Trump handelte zwei Tage vor dem Stichtag.
Verfasst hatten das Gesetz der Republikaner Lindsey Graham und der Demokrat Richard Blumenthal, beide Kammern stimmten mit grossen Mehrheiten zu. Es war der erste grosse Schritt des Kongresses gegen Moskau seit Trumps Rückkehr an die Macht. Erstmals sollte es die russische Schattenflotte von Tankern treffen, dazu Banken, hohe Amtsträger und Präsident Wladimir Putin selbst.
«the issuance of such a waiver at this time is in the national interests of the United States»
Kreml-Gesandter spricht von historischem Moment
Beim Kreml-Gesandten Kirill Dmitrijew kommt der Schritt gut an. Der Gesandte für internationale Wirtschaftszusammenarbeit schrieb laut dpa auf Telegram, das Sanktionsgesetz hätte die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und den USA faktisch vollständig zum Erliegen gebracht.
Dmitrijew ist auch einer der russischen Unterhändler im Ringen um ein Ende des Kriegs: Er verhandelt mit den US-Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner.
«wichtigen und wahrhaft historischen Moment»
Eine Woche nach dem Diesel-Deal mit dem Kreml
Wenige Tage vor dem Dekret hatte sich Trump mit dem Kreml auf Diesellieferungen geeinigt: Russland soll mehr als 300'000 Tonnen für die USA und den Weltmarkt liefern, im Gegenzug setzte Washington bestehende Sanktionen aus. Wegen des Iran-Kriegs sind die Treibstoffpreise laut dpa gestiegen. Laut Le Temps ärgert sich Trump zudem über ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien, die nach einigen Tagen Pause wieder aufgenommen wurden.
Schon den Diesel-Deal hatten Republikaner und Demokraten laut Al Jazeera kritisiert: Er helfe Russlands Kriegsführung, ohne die Preise zu senken. Daniel Fried, früher Sanktionskoordinator des US-Aussenministeriums, fasste die Abfolge laut Yahoo News so zusammen: «One week after the diesel deal and the Trump administration keeps the pressure off Russia.» Weshalb der Schritt im Interesse der USA liegt, hat das Weisse Haus laut dem Portal nicht erklärt.
«Trump's latest surrender to Putin again betrays our Ukrainian partners and defies clear congressional intent»
Kritik aus beiden Parteien im US-Kongress
Der demokratische Abgeordnete Don Beyer aus Virginia schrieb laut Yahoo News: «Trump's latest surrender to Putin again betrays our Ukrainian partners and defies clear congressional intent.» Verurteilt haben den Schritt demnach auch eine überparteiliche Gruppe von Senatoren und Abgeordnete beider Parteien im Repräsentantenhaus.
Selenskyj hatte eine rasche Umsetzung des Gesetzes gefordert, auch die EU hoffte, es könne helfen, Russlands Krieg zu stoppen. Nach dem Diesel-Deal warf der ukrainische Präsident Trump vor, Geld in Putins Kriegskasse zu spülen, und deutete laut dpa Ende Woche an, er fühle sich von den USA betrogen. Am EU-Gipfel in Brüssel vermied er am Freitag laut Le Temps direkte Kritik an Trump: Sein Team verhandle mit den US-Unterhändlern, ein Treffen in den nächsten Tagen sei möglich.
Allgemein zur US-Unterstützung für die Ukraine sagte Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto der BBC, Trump liege «completely wrong», wenn er sie einschränke. Die USA riskierten so, Russlands Krieg zu verlängern, statt zu helfen, ihn zu beenden.
«One week after the diesel deal and the Trump administration keeps the pressure off Russia.»
Bern folgt Brüssel, nicht Washington
Die Schweiz richtet ihre Russland-Sanktionen nach der EU aus, nicht nach den USA. Zuletzt beschloss der Bundesrat am 19. August, sich dem 20. Sanktionspaket der EU «gemäss bisheriger Praxis» anzuschliessen; die Massnahmen gelten seit dem 20. August. Ob Trumps Schritt etwas an der Schweizer Linie ändert, ist offen.
Ob der russische Diesel die Preise am Weltmarkt drückt, bezweifeln Fachleute. Neil Atkinson, früher Leiter der Abteilung Ölindustrie und Ölmärkte der Internationalen Energieagentur, sagte dem Sender Al Jazeera, die angekündigten Mengen würden die Preise kaum bewegen. Chris Beauchamp, Chef-Marktanalyst der IG Group, sprach dort von einer bloss kurzfristigen Lösung.
Hierzulande war der Dieselmarkt schon vor dem Deal angespannt. Avenergy Suisse, der Verband der Schweizer Treibstoff- und Brennstoffimporteure, schrieb am 6. Oktober, aus dem Golf fehlten weiterhin 40 Prozent der Diesel- und Kerosinmengen, vor allem Diesel und Flugpetrol seien knapp. Beim tiefen Rheinpegel sah der Verband für die nächsten Wochen kaum Besserung, und Russland werde wohl noch länger als Lieferant ausfallen.
«completely wrong»
«don't really move the needle very much»
«it is only a short-term solution»
Quellen
- 1.Weisses Haus: Implementing the Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026 (16.10.2026)
- 2.Reuters (via Global Banking & Finance Review)
- 3.Reuters (via US News)
- 4.dpa (via t-online)
- 5.dpa (via 20 Minuten), 17.10.2026
- 6.Yahoo News: Trump issues order to bypass Russian sanctions
- 7.Al Jazeera: Trump puts on hold new Russia sanctions he signed into law (17.10.2026)
- 8.Le Temps: Donald Trump exempte la Russie de nouvelles sanctions, en pleine crise avec Kiev (17.10.2026)
- 9.BBC: Interview mit Guido Crosetto
- 10.Orrick: New Russia Sanctions Law Enacted
- 11.Bundesrat: Ukraine – Der Bundesrat setzt das 20. Sanktionspaket gemäss bisheriger Praxis um (19.08.2026)
- 12.Avenergy Suisse: Marktlage vom 6. Oktober 2026
- 13.Al Jazeera: Why is US turning to Russia for diesel despite sanctions? (10.10.2026)
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