Kinderarmut: Diese Familien sind laut Kinderrechts-Netzwerk besonders gefährdet
Laut dem Netzwerk Kinderrechte Schweiz sind 315'000 Kinder in der Schweiz armutsgefährdet, 114'000 weitere gelten bereits als arm. Ob ihre Familien Hilfe bekommen, hängt laut dem Netzwerk vom Wohnkanton und vom Aufenthaltsstatus ab. Es fordert eine nationale Strategie.
KI-SymbolbildDarum gehts
- Schon 2023 lag eine parlamentarische Initiative für eine nationale Gesetzesgrundlage gegen Kinderarmut vor. Die zuständige Parlamentskommission gab ihr keine Folge.
- Ergänzungsleistungen für Familien gibt es nur in fünf Kantonen, Freiburg kam im Januar 2026 dazu.
- Das Netzwerk verlangt schweizweite Mindeststandards bei den Familienleistungen.
- Auch die Lösung des Bundesrats statt einer Ombudsstelle für Kinderrechte ist dem Netzwerk zu schwach.
Das Netzwerk hat seine Zahlen am 17. Oktober veröffentlicht, dem Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut. Sie stehen in einer Zwischenbilanz dazu, wie die Schweiz die Empfehlungen des UNO-Kinderrechtsausschusses umsetzt.
Fünf Jahre nach diesen Empfehlungen sind zentrale Kinderrechte aus Sicht des Netzwerks noch immer nicht zufriedenstellend umgesetzt. Es fehlten etwa Daten zu Kindern, die ausserhalb ihrer Familie platziert sind. Das berichten SRF und Nau.ch unter Berufung auf die Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
«Es braucht deshalb eine nationale Antwort statt eines kantonalen Flickenteppichs an Leistungen.»
Kinder von Alleinerziehenden und aus Grossfamilien besonders gefährdet
Besonders gefährdet sind laut dem Netzwerk Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, und Kinder aus kinderreichen Familien.
Ein Beitrag in der Fachzeitschrift «Soziale Sicherheit» des Bundesamts für Sozialversicherungen liefert dazu BFS-Zahlen von 2022: Damals lebte gut jeder vierte Einelternhaushalt in prekären finanziellen Verhältnissen (26,2 Prozent). Bei Familien mit drei oder mehr Kindern war es jede fünfte (20,6 Prozent).
Armut heisst für sie mehr als weniger Geld im Portemonnaie der Eltern. Nach Einschätzung des Netzwerks schmälert sie die Chancen bei Bildung, Entwicklung und Gesundheit, und betroffene Kinder können weniger am sozialen Leben teilnehmen.
«Eine Ombudsstelle, die Kinder nicht individuell berät und nicht vermitteln kann, verfehlt ihren eigentlichen Zweck.»
17 Prozent oder 5 Prozent: Es kommt auf die Messung an
Wie gross das Problem ist, hängt davon ab, was man zählt. Eine Studie des Büros BASS im Auftrag der Sozialhilfe-Konferenz SKOS kam für 2022 auf 17,2 Prozent armutsgefährdete Minderjährige. Kinder und Jugendliche sind damit überdurchschnittlich stark armutsgefährdet.
Eine andere Messgrösse nutzt das Bundesamt für Statistik: 2024 waren fast fünf Prozent der Kinder unter 16 Jahren in drei oder mehr wichtigen Lebensbereichen finanziell benachteiligt.
Bei Kindern in Einelternhaushalten traf diese Benachteiligung im Alltag 14,1 Prozent, bei Kindern in Paarhaushalten 3,4 Prozent. Das ist rund viermal so oft.
Mindeststandards statt 26 Lösungen
Die nationale Strategie soll nach dem Willen des Netzwerks systematisch überprüft werden. Zudem soll das Nationale Armutsmonitoring Kinder eigens erfassen, und bei den Familienleistungen sollen in der ganzen Schweiz Mindeststandards gelten.
«Es braucht deshalb eine nationale Antwort statt eines kantonalen Flickenteppichs an Leistungen», sagt Rahel Zimmermann, Co-Geschäftsführerin des Netzwerks.
Ergänzungsleistungen für Familien gibt es in fünf Kantonen
Wie unterschiedlich die Kantone vorgehen, zeigt eine bestimmte Leistung: Ergänzungsleistungen für Familien. Bis 2024 hatten nur Genf, Solothurn, das Tessin und die Waadt sie eingeführt, wie die Zeitschrift «Soziale Sicherheit» festhielt.
Seit dem 1. Januar 2026 zahlt auch Freiburg. Das Geld geht an Familien, die ihre Grundausgaben nicht mit dem eigenen Einkommen decken können. Rund 1500 Familien haben laut Kanton Anspruch darauf.
Die Parlamentskommission winkte schon einmal ab
Neu ist die Forderung nicht. Schon 2023 lag die parlamentarische Initiative «Kinder vor Armut schützen» vor. Sie verlangte eine gesetzliche Grundlage, um Kinderarmut schweizweit zu bekämpfen. Die zuständige Kommission gab ihr keine Folge und verwies auf die Massnahmen, die die Kantone bereits treffen.
Das Netzwerk wies damals darauf hin, dass ein Drittel der Sozialhilfebeziehenden in der Schweiz Kinder und Jugendliche sind.
Streit um die Ombudsstelle für Kinder
Den Auftrag für eine Ombudsstelle für Kinderrechte hat das Parlament schon 2020 erteilt. In der Vernehmlassung war eine deutliche Mehrheit für eine unabhängige Stelle. Der Bundesrat hält laut dem Netzwerk aber an einer abgeschwächten Lösung fest: Die Stelle soll Kinder weder individuell beraten noch vermitteln.
Der Bundesrat hat am 15. April 2026 entschieden, die Kinderrechte über eine nationale Institution zu stärken statt über eine Ombudsstelle. Sie soll Wissen vermitteln, die Akteure vernetzen und Behörden beraten. Dafür passt er die Kinder- und Jugendförderungsverordnung bis Ende 2026 an.
Dass sein Vorschlag vielen Teilnehmenden der Vernehmlassung zu wenig weit ging, weil er keine nationale Ombudsstelle vorsah, räumt der Bundesrat selbst ein. Als Grund für seinen Weg nennt er unter anderem die angespannte Finanzlage des Bundes.
«Eine Ombudsstelle, die Kinder nicht individuell berät und nicht vermitteln kann, verfehlt ihren eigentlichen Zweck», sagt Co-Geschäftsführerin Katharina von Wyl.
Quellen
- 1.Netzwerk Kinderrechte Schweiz: Medienmitteilung vom 17. Oktober 2026
- 2.Netzwerk Kinderrechte Schweiz: Zwischenbilanz Oktober 2026
- 3.SRF News (Keystone-SDA)
- 4.Nau.ch (Keystone-SDA)
- 5.SKOS / BASS: Kinder in der Sozialhilfe (2024)
- 6.Netzwerk Kinderrechte Schweiz: Sessionsvorschau Herbstsession 2023
- 7.Bundesrat / BSV: «Bundesrat will die Rechte der Kinder stärken», 15. April 2026
- 8.Bundesamt für Statistik: Medienmitteilung SILC 2024 (Armut und Deprivation)
- 9.Soziale Sicherheit CHSS (BSV): «Armut in der Schweiz: Kinder häufig betroffen», 5. März 2024
- 10.Kanton Freiburg (DSAS): Ergänzungsleistungen für Familien ab Januar 2026
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