Kantone wollen Frühfranzösisch kippen, der Bund droht mit Gesetz. Wer hat recht?
Mehrere Kantonsparlamente wollen das Frühfranzösisch aus der Primarschule streichen, darunter Zürich. Der Bundesrat hat vorsorglich eine Gesetzesänderung vorbereitet. Dabei nutzen in der Deutschschweiz dreimal so viele Menschen regelmässig Englisch wie Französisch.

Darum gehts
- Zürich: Der Kantonsrat hat mit 108 zu 64 Stimmen eine Motion überwiesen, die Französisch in die Oberstufe verschieben will.
- Der Bundesrat schlägt zwei Varianten vor, die eine zweite Landessprache in der Primar sichern.
- Dem Parlament vorlegen will der Bundesrat die Änderung nur, wenn die Kantone ihre Sprachenstrategie von 2004 aufgeben.
- Die Vernehmlassung lief bis am 5. Oktober. Jetzt ist der Bundesrat wieder am Zug.
Auf der anderen Seite des Röstigrabens sieht es ähnlich aus: In der Westschweiz verwenden 41 Prozent regelmässig Englisch, aber nur 16 Prozent Deutsch. Für die Deutschschweiz hat das Bundesamt für Statistik in seiner Erhebung von 2024 ein Verhältnis von 45 zu 15 gemessen, Englisch gegen Französisch.
Trotzdem halten 86 Prozent der Bevölkerung Kenntnisse in mehreren Landessprachen für wichtig für den Zusammenhalt des Landes. Und Französisch lernt man vor allem an einem Ort: 83 Prozent derjenigen, die es lernen, haben es hauptsächlich in der Schule gelernt.
Wann dieser Unterricht beginnen soll, darüber streiten Kantone und Bund gerade.
«Die sprachliche Vielfalt ist ein Grundpfeiler der Schweiz. Sie ermöglicht es uns, einander zu verstehen»
Von Appenzell Ausserrhoden bis Thurgau: Wo das Frühfranzösisch wackelt
Wie SRF berichtete, beauftragte der Ausserrhoder Kantonsrat im Frühling 2025 seine Regierung, Französisch in die Oberstufe zu verschieben. Im September 2025 zog der Zürcher Kantonsrat nach, gegen den Antrag der eigenen Regierung.
Bildungsdirektorin Silvia Steiner hatte die Motion «ein Spiel mit dem Feuer» genannt. Für die gesetzliche Grundlage hat die Regierung ab dem Entscheid zwei Jahre Zeit.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur SDA ging auch St. Gallen diesen Weg, und 2026 stellten sich die Kantonsparlamente von Schwyz, Schaffhausen und Thurgau ebenfalls gegen das Frühfranzösisch. Es sind Parlamentsbeschlüsse. Ob und ab wann Kinder dort erst in der Oberstufe Französisch lernen, ist offen.
Uri und Appenzell Innerrhoden kennen schon heute kein Frühfranzösisch. Französisch beginnt dort erst auf der Oberstufe.
«Nur weil Mathematik schwierig ist, gibt man sie nicht auf.»
Zwei Varianten in der Schublade des Bundesrats
Der Bundesrat beruft sich auf Artikel 62 Absatz 4 der Bundesverfassung: Finden die Kantone keine verfassungskonforme Harmonisierung im Schulwesen, muss der Bund Vorgaben machen. Ändern würde er Artikel 15 des Sprachengesetzes, und zwar auf eine von zwei Arten.
Variante 1 schreibt die heutige HarmoS-Lösung ins Gesetz: zwei Fremdsprachen in der Primarschule, eine zweite Landessprache und Englisch. Nach HarmoS beginnt die erste Fremdsprache in der 3. Klasse, die zweite in der 5. Klasse, und die Kantone wählen die Reihenfolge. Dem Konkordat sind laut SRF 15 der 26 Kantone beigetreten.
Variante 2 ist eine Minimalvorgabe mit mehr Spielraum für die Kantone. Eine zweite Landessprache muss in der Primarschule beginnen und bis zum Ende der Sekundarstufe I dauern.
Ihre Sprachenstrategie haben die Kantone 2004 selbst beschlossen und 2009 ins HarmoS-Konkordat übernommen. Halten sie daran fest, legt der Bundesrat dem Parlament keine Gesetzesänderung vor. Elisabeth Baume-Schneider nannte die Vorlage laut SDA präventiv: Der Bundesrat werde nur handeln, wenn ein Kanton das Frühfranzösisch effektiv abschafft.
Neu ist der Vorstoss nicht. Schon 2016 eröffnete der Bundesrat eine Vernehmlassung, um die zweite Landessprache an der Primarschule zu stärken. Eine Gesetzesänderung kam damals nicht zustande.
«ein Spiel mit dem Feuer»
Bundesrätin gegen Zürcher Regierung
«Die sprachliche Vielfalt ist ein Grundpfeiler der Schweiz. Sie ermöglicht es uns, einander zu verstehen», sagte die Vorsteherin des Innendepartements laut SRF. Dazu zog sie einen Vergleich: «Nur weil Mathematik schwierig ist, gibt man sie nicht auf.»
Die Zürcher Regierung hat ihre Antwort an den Bund am 16. September 2026 beschlossen. Einer der Punkte darin lautet: «Zurzeit kein Handlungsbedarf auf Bundesebene». Einen Eingriff des Bundes in die kantonale Bildungshoheit hält sie «zum jetzigen Zeitpunkt» für «nicht angezeigt».
Wie gespalten die Meinungen sind, zeigt ein Blick nach Basel und Solothurn. Basel-Stadt, Baselland und Solothurn unterrichten Französisch ab der 3. und Englisch ab der 5. Klasse und haben das überprüft. In Basel-Stadt wollen 51 Prozent der Befragten den frühen Start behalten, in Baselland und Solothurn gibt es eine knappe Mehrheit für einen späteren Beginn.
«Ich glaube, dass wir uns jetzt primär einmal auf die Muttersprache konzentrieren müssen»
FDP gegen Waadt, Lehrer dazwischen: Wer was will
SVP und FDP lehnen beide Varianten ab, wie SRF zum Ende der Vernehmlassung berichtete. «Ich glaube, dass wir uns jetzt primär einmal auf die Muttersprache konzentrieren müssen», sagte FDP-Nationalrätin Bettina Balmer dem Sender.
Die Grünen wollen die strengere Variante 1. «Je früher man mit den Kindern beginnt, je spielerischer können sie auch Sprachen lernen», sagte Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber. SP und Mitte ziehen die weichere Variante 2 vor, und auch die GLP unterstützt sie in ihrer Stellungnahme grundsätzlich.
Mittendrin stehen die Lehrerinnen und Lehrer. «Deswegen haben wir als Dachverband, als staatspolitischen Kompromiss uns für Variante zwei entschieden», sagte Beat Schwendimann, Leiter Pädagogik beim LCH. Einige kantonale Lehrerverbände hätten Französisch lieber erst ab der Oberstufe gehabt. Diese Möglichkeit bot der Bundesrat gar nicht an.
In der Westschweiz schaut man genau hin. Der Waadtländer Staatsrat bevorzugt Variante 1, hofft aber auf eine Einigung unter den Kantonen ohne Eingreifen des Bundes. Von den betroffenen Deutschschweizer Kantonen wünscht er, dass sie darauf verzichten, den Französischunterricht in die Oberstufe zu verschieben.
Auch die Freiburger Regierung unterstützt laut der Plattform Frapp Variante 1, weil sie die besten Garantien biete, den Platz der Landessprachen in der Schule dauerhaft zu sichern. Für Freiburg selbst hätte die Revision keine Folgen.
«Je früher man mit den Kindern beginnt, je spielerischer können sie auch Sprachen lernen.»
«Deswegen haben wir als Dachverband, als staatspolitischen Kompromiss uns für Variante zwei entschieden.»
Quellen
- 1.Bundesrat/EDI, Medienmitteilung vom 12. Juni 2026
- 2.BFS, Medienmitteilung vom 14. August 2025 (Erhebung Sprache, Religion und Kultur 2024)
- 3.Kanton Zürich, Regierungsratsbeschluss 2026/966
- 4.Kanton Zürich, Regierungsratsbeschluss 2025/405
- 5.Kanton Waadt, Staatsrat, Entscheid vom 23. September 2026
- 6.Frapp (Freiburg), 5. Oktober 2026
- 7.Kanton Basel-Stadt, «Frühfranzösisch auf dem Prüfstand»
- 8.GLP Schweiz, Stellungnahme vom 5. Oktober 2026
- 9.SRF, 5. Oktober 2026
- 10.SRF, 12. Juni 2026
- 11.SRF, 1. September 2025
- 12.bote.ch (SDA), 12. Juni 2026
- 13.LCH, Medienmitteilung vom 3. Oktober 2016
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