Auto-Deal in Europa: Paris und Berlin öffnen der Schweiz eine Tür, mit Haken
Neue Verbrenner könnten auch nach 2035 zugelassen werden: Deutschland und Frankreich wollen laut Medienberichten, dass Autobauer den CO2-Ausstoss ihrer Neuwagen nur noch um 90 statt um 100 Prozent senken müssen. Für die Schweiz ist das relevant: Sie hat bisher dieselben CO2-Zielwerte wie die EU. Ob sie eine Lockerung übernehmen würde, ist offen.
KI-SymbolbildDarum gehts
- Frankreich gibt bei den Verbrennern nach, Deutschland beim strengeren «Made in Europe».
- Die Schweiz könnte bei «Made in Europe» dabei sein, laut RTS nur unter strengen Bedingungen.
- Schon ab 2030 gilt in der Schweiz für neue Personenwagen ein Zielwert von 49,5 Gramm CO2 pro Kilometer.
- Beschlossen ist nichts: Deutsche Koalition, EU-Staaten und EU-Parlament müssen noch zustimmen.
Am Freitag haben beide Länder den Deal laut Le Temps in einer gemeinsamen Erklärung bestätigt. «Mit Deutschland haben wir eine Einigung gefunden, um die Zukunft des europäischen Autosektors zu sichern», schrieb Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf X (aus dem Französischen übersetzt).
Die Einzelheiten stammen aus Medienberichten: Le Temps stützt sich auf ein deutsch-französisches Papier, das die Nachrichtenagentur AFP einsehen konnte, RTS auf einen Diplomaten in Brüssel. Laut dem Papier müssten die Hersteller die fehlenden 10 Prozent nicht ausgleichen, anders als es die EU-Kommission ursprünglich vorgeschlagen hatte. Begründet wird das Zugeständnis mit dem wachsenden Einsatz «erneuerbarer» Treibstoffe, etwa Biotreibstoffen.
«Avec l’Allemagne, nous avons trouvé un accord pour assurer l’avenir du secteur automobile européen.»
Paris gibt bei den Verbrennern nach, Berlin beim Bauteil-Einkauf
Berlin wollte, dass weiterhin Neuwagen mit Verbrennungsmotor zugelassen werden können. Macron hatte sich bisher dagegen gesperrt, berichtet die Tagesschau.
Jetzt akzeptiert Paris zusätzliche Spielräume für Verbrenner, die Deutschland zum Schutz seiner Autoindustrie verlangt hatte. Le Temps wertet das als Verzicht Europas, 2035 ganz auf Elektroautos umzusteigen, sehr zum Ärger der Umweltorganisationen.
Den Preis dafür zahlt Deutschland bei der europäischen Präferenz. Firmen, die öffentliche Gelder erhalten, sollen Bauteile aus Europa oder aus bestimmten Partnerländern beziehen müssen. Berlin hatte lange ein breiteres «Made with Europe» mit vielen Ländern verlangt und schwenkt nun auf die strengeren Kriterien von Paris ein.
«Unser Kurs ändert sich nicht: den CO2-Ausstoss stark senken und die künftigen Elektroautos in Frankreich und Europa produzieren. Das ist die europäische Präferenz», schrieb Macron (übersetzt).
«Notre cap ne change pas : réduire fortement les émissions de CO₂ et produire en France et en Europe les futures voitures électriques. C'est cela la préférence européenne.»
Die Schweiz als Partner, aber mit Bedingungen
Gelten soll «Made in Europe» für Produktion in den 27 EU-Staaten und bei engen Partnern wie Grossbritannien, Norwegen oder der Schweiz. Die Regel soll vor allem der Flut chinesischer Autos in Europa etwas entgegensetzen.
Ganz offen ist die Tür aber nicht. RTS schreibt, die Schweiz wäre zwar den EWR-Staaten und Grossbritannien gleichgestellt, bräuchte für das europäische Beschaffungswesen aber eine formelle Assoziierung. Bern drängt laut RTS seit Monaten darauf, bei der europäischen Präferenz dabei zu sein.
«Auch in Bundesbern braucht es mehr Realitätsbewusstsein»
Wo die Schweiz bei den CO2-Zielen steht
Für neue Autos gelten in der Schweiz dieselben CO2-Zielwerte wie in der EU, einhalten müssen sie die Autoimporteure. Für neue Personenwagen gilt laut Bundesamt für Umwelt seit 2025 ein Zielwert von 93,6 Gramm CO2 pro Kilometer, ab 2030 sind es noch 49,5 Gramm, also fast eine Halbierung.
Noch sind die meisten Neuwagen in der Schweiz keine reinen Elektroautos. Im September waren laut dem Importeursverband auto-schweiz erstmals mehr als ein Drittel der neuen Personenwagen in der Schweiz und Liechtenstein reine Elektroautos, nämlich 35,7 Prozent.
Über die ersten neun Monate des Jahres gerechnet liegt der Anteil bei 26,2 Prozent. Rund drei von vier Neuwagen haben also noch keinen reinen Elektroantrieb.
97,7 Millionen Franken: Importeure zahlen für zu viel CO2
Wie teuer die Zielwerte schon heute sind, zeigt die Abrechnung des Bundes vom Juni: Für 2025 müssen Schweizer Importeure rund 97,7 Millionen Franken CO2-Sanktionen für Personenwagen bezahlen. Ein Jahr zuvor waren es 2,26 Millionen Franken.
Der Grund ist der strengere Zielwert. Die 2025 neu zugelassenen Personenwagen stiessen im Schnitt 101,6 Gramm CO2 pro Kilometer aus, der Zielwert lag bei 93,6 Gramm. Für leichte Nutzfahrzeuge kommen nochmals rund 25,9 Millionen Franken dazu.
Die Branche fordert schon länger lockerere Regeln. Als die EU-Kommission im Dezember 2025 vom vollständigen Verbrenner-Aus abrückte, forderte auto-schweiz laut Blick lockerere Regeln auch für die Schweiz und sprach von «horrenden» Sanktionszahlungen. «Auch in Bundesbern braucht es mehr Realitätsbewusstsein», zitierte Blick damals Verbandspräsident Peter Grünenfelder.
Ende Januar 2026 kritisierte der Verband, dass die Umweltkommission des Nationalrats ihre Initiative zurückgezogen hatte, die Vorschriften für 2025 bis 2027 wie in der EU zu lockern. Dort haben die Hersteller eine dreijährige Übergangsfrist.
In Berlin muss die SPD das Positionspapier noch absegnen. Parallel verhandeln die 27 EU-Staaten und das EU-Parlament über das Autopaket und das Gesetz zur europäischen Präferenz, die der Deal voranbringen soll.
Quellen
- 1.Le Temps (gestützt auf AFP und den X-Post von Emmanuel Macron)
- 2.RTS Info
- 3.Der Standard
- 4.tagesschau.de
- 5.Bundesamt für Umwelt BAFU: CO2-Vorschriften für Neufahrzeuge
- 6.BAFU/BFE, Medienmitteilung vom 23. Juni 2026: «Importeure neuer Fahrzeuge senken CO2-Emissionen deutlich»
- 7.auto-schweiz, Medienmitteilung vom 2. Oktober 2026 (Neuzulassungen September)
- 8.auto-schweiz, Medienmitteilung vom 30. Januar 2026 zu den CO2-Sanktionen (englische Fassung via webdisclosure.com)
- 9.Blick, 16. Dezember 2025: «Doch kein Verbrenner-Aus»
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